Rückblicke, Ausblicke (Hausmitteilung, Jänner 2011)
14. Dezember 2010 von hb

2010: Odyssee im All der bedeutenden, belanglosen und erfundenen Nachrichten, die kaum unterscheidbar über unsere Köpfe hinweg sausen. Erinnern Sie sich noch an die wirklich wichtigen Geschehnisse des ausgemusterten Jahres?
Spanien gewann die Fußball WM in Südafrika, okay. Griechenland wurde vom Ferienparadies zum Pleite-Vorzeigeland; Irland gab sich Mühe und schloss auf, und es fehlt nicht mehr viel, damit das ganze EU-Finanzsystem zum Teufel geht. Das hat Wucht. Aber sonst? Alisar, eine hübsche, in Oberösterreich sesshaft gewordene Migrantin aus Syrien, wurde „Germany’s Next Topmodel“. Ach ja, und H. C. Strache gewann bei den Wiener Landtagswahlen beinahe 26 Prozent der Stimmen, ohne dadurch etwas Nennenswertes zu gewinnen, denn regiert wird Wien jetzt von der ersten rot-grünen Landesregierung in der Geschichte der Republik.
Wir verfielen angesichts derartig vieler die Sinne überfordernder Sensationen in eine Art Tunnelblick und fokussierten stur auf unsere Branche. Hei, da war was los: Dichand ging von uns. Die „Krone“ blieb, zumindest bis jetzt. Eins von beiden hatte offenbar eine schwer psychopathogene Ladung und ließ den Verband der Österreichischen Zeitungen (VÖZ) vollkommen den Verstand verlieren, so dass er dem ORF aus knausrigem Konkurrenzdünkel ein Gesetz aufnötigte, das diesen zur Beschränkung (!) seiner öffentlich-rechtlichen Informationspflicht, insbesondere zur Aufgabe einiger seiner von der Öffentlichkeit mit Recht nachgefragten Online-Angebote zwang, ohne das hinterlassene Vakuum ernsthaft zu kompensieren. Den österreichischen Zeitungsverlegern kommt damit im europäischen Kontext das kulturhistorische Verdienst zu, den Rollenwechsel von traditionellen Nachrichtenvermittlern zu reglementierungswütigen Informationsunterdrückern als eine der ersten ihrer Zunft vollzogen zu haben. Das verdient noch im Rückblick größte Würdigung.
Eine der dagegen wirklich wichtigen Mediengestalten von 2010 reicht in seiner Bedeutung mindestens bis in das Jahr 2011: Julian Assange, das Gesicht der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Bereits mit den veröffentlichten Geheimdossiers zu den Kriegen in Irak und Afghanistan beherrschte WikiLeaks die öffentliche Weltmeinung, die zuletzt ans Licht gezerrten Depeschen, Lageberichte und geheimen Einschätzungen von US-Diplomaten quer über den Globus lasen sich wie ein Gossip-Exzess der hohen Politik, und wieder waren sie es schwergewichtigen Medien wie Spiegel, Guardian und New York Times Kooperationen und Titelseiten wert. Wie auch immer man zu Assange und WikiLeaks steht: Sie markieren eine neue Ära der Informationsvermittlung – die systematische Zusammenarbeit von Piraten und alten Medienschlachtrössern, das „Seite an Seite“ von zivilem Ungehorsam und etablierten Kontrollinstanzen, einen ersten Geschmack von den Auswirkungen einer Radikaldemokratie im neuen Technologiezeitalter (siehe dazu auch die Story von Nicole Kolisch ab Seite 60).
Eines braucht es derzeit zur kompromisslosen Verteidigung demokratischer Zustände allemal: Courage, die darf man Assange, dem mittlerweile zweifellos die CIA im Pelz sitzt, getrost zusprechen. Damit leiten wir zu Michael Mittermeier über, zum Cover-Helden der aktuellen Ausgabe. Courage hat der Comedian auch bewiesen, mit dem Film über seine Reise zum burmesischen Komiker Zarganar, der in seiner Heimat zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er über die dortigen Machthaber Witze riss. Lesen Sie die Geschichte ab Seite 14. Wir wetten, dass wir danach eine Lehre mit Ihnen teilen: Zu radikal kann Demokratie eigentlich niemals sein. Nur zu unerreichbar.
Herzlichst
Helfried Bauer, Chefredakteur
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