Krieger des Lichts
18. August 2010 von hb
Das ist Julian Assange, Gründer der Internetplattform WikiLeaks, für seine Fans. Für das US-Pentagon ist der Australier, der serienweise sensible Geheimdokumente an die Öffentlichkeit bringt, ein krimineller Hacker und brandgefährlich…
Julian Assange (39) hat eine komplizierte Vergangenheit: Hineingeboren in eine Künstlerfamilie in Australien, hässliche Scheidung der Eltern, jahrelang mit der Mutter auf der Flucht vor dem Vater, dabei eine Odyssee durch nicht weniger als 37 Schulen.
So etwas prägt und es prägt nicht nur sozial erwünschte Seiten aus: Julian zieht das virtuelle seinem realen Leben vor und verbringt sehr, sehr viel Zeit vor dem Computer, einem Commodore 64. Er wird zum „Hacker“, und als solcher genießt er in der einschlägigen Szene von Melbourne bald einen wirklich guten Ruf. Julian kann was, soviel wird klar, denn er beweist es durch mehrere Einbrüche auf fremde Rechner von Unternehmen, Behörden – und auch des US-Militärs. Als er deshalb als Mitglied der Hacker-Gruppe „International Subversives“ vor Gericht steht, ist er 20 und bereits Vater. Er kommt glimpflich davon, wird auf Bewährung verurteilt – doch die Mutter seines Kindes verlässt ihn.
Viel mehr ist über die Biografie des weißblonden Mannes, den das Pentagon als ernste Gefahr für die amerikanische Nation betrachtet, nicht bekannt. Umso bekannter ist, was der mittlerweile auf die 40 zuschreitende „International Subversiv“ in den letzten Monaten angestellt hat. Die seit 2007 von ihm und ein paar weitgehend anonymen Mitstreitern betriebene Internetplattform „WikiLeaks“, noch bis vor einem Jahr eher etwas für Insider, hat in kurzer Folge zwei Scoops gelandet, die die Welt erschütterten:
Im April veröffentlichte WikiLeaks ein Video des amerikanischen Militärs aus dem Jahr 2007, das den tödlichen Angriff eines „Apache“-Hubschraubers auf eine Gruppe von Zivilisten in Bagdad dokumentiert, auch zwei Reuters- Journalisten sind unter den Opfern; ein Van, der Minuten nach dem Angriff vorfährt, um Leichen und Verletzte zu bergen, wird ebenfalls beschossen – zwei Kinder in dem Wagen werden schwer verletzt. Vor allem die zynische Sprache und das achselzuckende Amusement, mit dem die Soldaten ihren Einsatz begleiten als wäre er ein Computerspiel, lassen dabei das Blut in den Adern gefrieren. Keine Frage: Das Video zählt zu den drastischsten Dokumenten des Krieges, die je an die Öffentlichkeit gelangten.
Am 25. Juli legte WikiLeaks nach: Zur Veröffentlichung gelangten diesmal das „Afghan War Diary“ – eine in diesem Umfang einzigartige Dokumentation des Afghanistankrieges, wiederum streng geheimes Material des US-Militärs, insgesamt 90.000 Einzelberichte, die WikiLeaks zur Auswertung auch der britischen Tageszeitung „The Guardian“, der „New York Times“ und dem deutschen „Spiegel“ überließ – und sich damit den „Ritterschlag“ als international bedeutsame Nachrichtenquelle holte.
Was ist das Besondere an WikiLeaks? Die Hacker-Kultur, die das Internet als grenzenlos freien, nicht zensurierbaren Ort begreift – und immer wieder aufs Neue antritt, um das auch zu beweisen. Grundsätzlich werden keine Nachrichten „gemacht“, wie dies in konventionellen Medien geschieht, sondern – geheime – Original- Dokumente veröffentlicht, bei denen öffentliches Interesse angenommen wird. Die eingesetzten Technologien verfolgen vor allem zwei Ziele: Anonymität sämtlicher Quellen – und das Verunmöglichen von Zensur. Letzteres wird durch ein Servernetz gewährleistet, das quer über die Welt gespannt ist und immer dort andockt, wo Gesetze besonders weitgehenden Schutz des Rechtes auf Information und Meinungsfreiheit garantieren.
Wer Dokumente elektronisch bei WikiLeaks hochlädt, ist durch zahlreiche technische Mechanismen geschützt – nicht einmal WikiLeaks kennt seine Quellen, wie Assange in einem Interview sagte. Anonymität wird generell übergroß geschrieben. Auch die – angeblich – fünf hauptamtlichen Mitarbeiter sind namentlich nicht bekannt. WikiLeaks besitzt keine Adresse, nur ein anonymes Postfach an der Universität von Melbourne, ein paar E-Mail- Adressen und einen Twitter-Account.
Laut Selbstdarstellung wurde die Plattform von chinesischen Dissidenten, Journalisten, Mathematikern, und Technikern aus den USA, Taiwan, Europa und Südafrika gegründet. Persönlich zu erkennen gegeben haben sich bislang nur Assenge – und ein Deutscher, der sich Daniel Schmitt nennt.
„Ich bin ein journalistischer Aktivist“, sagte Assange bei der Medienkonferenz „TED“ in Oxford, zu der er überraschend auftauchte. „Hacker“ will er nicht mehr genannt werden, „dieses Wort ist inzwischen vor allem mit der russischen Mafia verknüpft, die die Bankkonten ihrer Großmutter plündern möchten.“
Für Assange mit seiner komplizierten Vergangenheit, der keinen festen Wohnsitz hat, lässt sich eines voraussagen: Seine Zukunft wird kaum einfacher. Er zählt wohl zu den meist beobachteten Figuren der Geheimdienstwelt. Von Reisen in die USA nimmt er derzeit Abstand. Man habe ihm zu verstehen gegeben, dass jemand auf die Idee kommen könnte, ihn wegen Beihilfe zur Spionage anzuklagen …
DIE FAKTEN: Informationsoffensive
WikiLeaks setzt sich zusammen aus „wiki“ wie die offene Online-Enzyklopädie Wikipedia und „leak“ wie das englische Wort für undichte Stelle. Die Plattform stellt immer wieder geheimes Material aus unterschiedlichsten Bereichen ins Netz. Zur Veröffentlichung angenommen werden geheime, zensierte oder auf sonstige Weise in ihrer Veröffentlichung beschränkte Dokumente, die von politischem, diplomatischem oder ethischem Interesse sind.
Das Projekt verwendet verschiedene Softwarepakete wie OpenSSL, Freenet, Tor und PGP. Die hierbei angewendeten Verschlüsselungsmechanismen sollen die Anonymität und Unauffindbarkeit der Quellen sichern.
Die Kosten des Betriebs werden mit derzeit rund 600.000 Euro angegeben, die vor allem für Server und Leitungskosten benötigt würden. Sie werden aus Spenden aufgebracht. Assange und seine Mitstreiter arbeiten nach eigenen Angaben ehrenamtlich.
Schwerste Niederlage: Am 29.Mai wurde der 22-jährige US-Soldat Bradley Manning in seiner Basis „Operation Station Hammer“ im Irak verhaftet und in ein Militärgefängnis in Kuwait gebracht. Er gilt als die undichte Stelle, die WikiLeaks das Bagdad-Video und andere brisante Dokumente zuspielte. Er soll sich beim Chat mit einem US-Hacker selbst verraten haben. Ihm drohen bis zu 52 Jahre Haft. Assange: „Wir können die Menschen nicht vor sich selbst retten, leider.“
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