Hausmitteilung, September 2010
18. August 2010 von hb
Noch ist Sommer, verehrte Leserschaft, und das sollte eine Zeit warmer Beschaulichkeit und seligen Müßiggangs sein. Schriftsteller Alfred Komarek hat uns nachdrücklich daran erinnert, sein neues Buch “Anstiftung zum Innehalten” kommt so gesehen genau im rechte Moment. Das Gespräch, das WIENER-Vize Dr. Wolfgang Wieser mit Komarek über das Leben und das Schreiben führte, ist ein herausragendes Beispiel für die
Eleganz und Schwerelosigkeit, mit der zwei gut ausgeruhte Geister umeinander zu tanzen vermögen, wenn sie waches Innehalten als des Geistes höchste Kunst begriffen haben. Lassen Sie alle Schwere hinter sich und tanzen Sie ein paar Schritte mit, einfach um des Vergnügens willen.
Andererseits: Ein gutes Magazin darf erst dann entspannt innehalten, wenn die wichtigen Dinge geschrieben sind und der Geist seiner Leser wach geworden ist. Was also ist wichtig in diesem Monat? Dass sich ein Mann aus der Deckung gewagt hat, um Farbe zu bekennen, rote Farbe, um genau zu sein: Gerhard Haderer aus der Riege der begnadeten österreichischer Zeichner und Karikaturisten, der mit Papier und Pinsel für die SPÖ in die Wiener Wahlschlacht ziehen will; mit “fliegenden Blättern”, wie sie dereinst Wilhelm Busch zum Einsatz brachte, will er dazu beitragen, dass das Rathaus der Bundeshauptstadt weiterhin – naja – sozialistisch geführt wird. Als Liebeserklärung an die “stummen Linken” sei das zu verstehen, als Aufruf zum Lautsein: “Macht’s endlich wieder den Mund auf und sagt, wofür ihr steht!”
Außerdem wichtig: Dass sich ein Mann aus der Deckung gewagt hat, um der “Enthüllungsplattform” WikiLeaks, derzeit die wichtigste Sammelstelle für Geheimdokumente, die besser öffentlich sein sollten, ein Gesicht zu geben: Julian Assange. Erst im April hat der geheimnisvolle Australier der Weltöffentlichkeit das Video eines US-Kampfhubschraubers beim Angriff auf irakische Zivilisten präsentierte, jetzt folgte eine 90.000 Seite Militär-Dokumentation des Afghanistankrieges, ebenfalls streng geheim, versteht sich.
Die Moral der beiden Geschichten liegt auf der Hand: Für Anstand und Moral kann es gar nicht heiß genug sein, und ein Rückgrat, das nicht aus Gummi ist, verbiegt sich auch bei hohen Temperaturen nicht. Wenn er denn zu dieser Erkenntnis geführt hat, war es ein guter Sommer! Dann haben wir uns alle ein Eis verdient. Lassen Sie es sich schmecken!
Herzlich,
Helfried Bauer
Editorial, erschienen im WIENER 349 / September 2010
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