Von und zu Rudi
14. März 2010 von hb
Wer in Österreich Karriere machen will, muss nach oben buckeln und nach unten treten. Wie Seyffenstein, der devote Oberhofmeister von ORF-Kaiser Robert Palfrader. Dem WIENER verriet Darsteller Rudi Roubinek, warum der Erfolg ihn trotzdem zu einem angenehmeren Menschen machte. [Erschienen im WIENER 343/10, Foto: Markus Thums]
Die Sendung “Wir sind Kaiser” ist einer der größten ORF-Erfolge der letzten Jahre mit Quoten von konstant 25-30 Prozent. Sie sind, wie man immer wieder liest, der Hauptautor und geistige Vater dieses Erfolgs? Langsam, langsam! Es gibt ein Team von fünf Autoren, dem ich sozusagen vorstehe. Der Hauptautor ist derjenige, der inhaltlich bestimmt, was letzten Endes ins Buch kommt. Es ist, wenn Sie so wollen, eine Führungsfunktion. Trotzdem bleibt es Teamarbeit.
Führungsfunktion in der Redaktion hin oder her, vor der Kamera sind Sie eindeutig der Sympathieträger der Sendung, noch vor dem “Kaiser”. Woher kommt das? Der Sidekick in so einem Set ist eine sehr dankbare Rolle, weil man damit nicht die Hauptlast des Formats tragen muss. Der zweite Grund liegt sicher in der Besonderheit der beiden Figuren und ihrem Verhältnis zueinander. Der Kaiser ist jemand, der für sich in Anspruch nimmt, der Kaiser zu sein. Er hat eine seltsame Persönlichkeitsstruktur und Allmachtsfantasien. Auf der anderen Seite steht der Seyffenstein, der alles, was sich der Kaiser wünscht, auch wenn es der größte Unfug ist, einfach zu erfüllen versucht, pflichtbewusst bis ins Letzte. Ich glaube, damit ist der Seyffenstein eine sehr österreichische Figur mit extrem großem Identifikationspotenzial.
Das heißt, die Österreicher machen den größten Unfug mit? Na ja. Wenn man den Vergleich auf den Alltag herunter brechen will: Du hast immer einen über dir, an dem du einfach nicht vorbeikommst und für den du den größten Blödsinn machen musst. Das ist doch ein österreichisches Ur-Lamento.
So gepeinigt sind die Menschen in unserem Land? Nicht nur. Wenn man sich den Seyffenstein anschaut, geht seine Ergebenheit ausschließlich in Richtung Kaiser. Alles was darunter ist, wird ja von ihm selbst niedergehalten. Sei es das restliche Hofpersonal, sei es der Lugner oder wer auch immer. Wiederum ein nicht unösterreichischer Charakterzug, fürchte ich.
Klingt da eine leise Österreich-Beschimpfung durch? Ich schimpfe nicht und ich beklage mich auch nicht. Das ist ein Befund. Das geht meiner Ansicht nach auf die Habsburger Monarchie zurück, diese Hierarchisierung der Gesellschaft. Daher kommt auch der Titelwahn und eine offen oder verdeckte Furcht vor Institutionen und Amtsträgern.
Teilen Sie die? Mitunter. Das hat natürlich auch mit dem Lebensalter zu tun. Je älter man wird, desto lockerer sieht man die Dinge. Ich kann mich erinnern, dass ich früher bei Begegnungen mit der Polizei oder auf Ämtern automatisch eingeschüchtert war. Ich glaube, das sitzt tief in uns drin, auch in mir.
War es der Erfolg, der Sie selbstbewusster gemacht hat? Ob er mich selbstbewusster gemacht hat, weiß ich nicht. Was ich weiß ist, dass viele Türen aufgehen. Man wird anders behandelt, wenn man bekannt ist.
Haben Sie auch an sich selbst irgendwelche Veränderungen durch den Erfolg bemerkt? Natürlich bemerkt man Veränderungen an sich. Normalerweise neigt man dazu, fremde Menschen zu ignorieren. Besonders in der Großstadt. Von Leuten bewusst angeschaut zu werden ist das Erste, an das man sich gewöhnen muss. Das nächste, woran man sich gewöhnen muss, ist die Tatsache, dass weniger von dem, was man tut, unbemerkt bleibt. Ich war schon immer viel mit dem Auto unterwegs. Da benimmt man sich nicht ständig fein. Ich achte nun darauf, nicht mehr wegen jedem Dreck hinauszuschimpfen wie ein Rohrspatz oder Leute, die sich einordnen wollen, nicht rauszupressen. Ich finde es gut, wenn man sich darüber Gedanken macht, wie man auf andere Menschen wirkt und wie man sich anderen gegenüber verhält.
In Ihrem Fall hatte der Erfolg also erzieherische Wirkung…
Ja, wirklich. Auch Leute, die mich schon lange kennen, meinen, dass ich früher viel grantiger war als jetzt.
Sie sind seit elf Jahren mit Ihrer Partnerin Karin zusammen. Stimmt es, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau steht? Das stimmt insofern nicht, als Karin nicht hinter mir steht. Sie steht neben mir und macht ihr eigenes Ding. Ich bin überhaupt so angelegt, dass ich beruflich und privat streng trenne. Das habe ich immer schon getan.
Wie wichtig ist eine Beziehung für den Erfolg? Ist sie hilfreich? Ist sie manchmal hinderlich? Was überwiegt? Ich kenne die andere Seite nicht. Als ich Karin kennen gelernt habe, war ich ein kleiner Redakteur. Wir sind den ganzen Weg gemeinsam gegangen. Hinderlich ist eine funktionierende Beziehung sicher nicht. Und wenn der Erfolg da ist, sicher auch gesund. Also für mich war es das jedenfalls.
Wie dürfen wir das verstehen? Die Karin hat mich schon sehr argwöhnisch beobachtet, als sich mein Bekanntwerden nicht mehr aufhalten lies. Ob ich jetzt durchknalle, Starallüren entwickle oder sonst irgendwie komisch werde. Sie hat geschaut, ob ich so bleib, wie ich war oder ob ich jetzt anders und mühsam werde. Das war sicher ganz hilfreich.
War es manchmal notwendig, Sie auf den Boden zurückzuholen? Das müsste Karin beantworten. Ich hoffe jedenfalls, dass ich am Boden bleibe. Bin ja eher schwer. Ich hebe nicht so leicht ab.
Betrachten wir einmal ihre Gardarobe? Da drängt sich doch die Frage auf: Wie wichtig ist Schönheit für den Erfolg? Ich glaube, dass ich mich realistisch einschätze, wenn ich mich nicht als hübschen Menschen sondern eher als Typ bezeichne. Also wird mir in dieser Hinsicht vielleicht auch mehr nachgesehen.
Was ist für Sie das Beste an Ihrem Erfolg? Ich finde, das soll man ganz offen sagen: das Geld. Wenn man als Freiberufler gutes Geld verdient, dann ist man ruhiger und zufriedener. Man geht nicht zu aufgeregt zu Präsentationen für den nächsten Job oder zu Castings. Erfolg ist finanzielle Sicherheit. Und die macht einen lockerer und freier. Punkt.
Lassen Sie uns noch ein wenig über die Sendung sprechen. Wieso hat der Kaiser dem Populisten H.C. Strache Audienz gewährt? Ihre Idee? Nein, ich habe keine führende Rolle bei der Auswahl der Gäste. Im Wesentlichen ist dafür unsere Sendungsverantwortliche zuständig. Im Fall Strache gab es heiße Diskussionen und viele Leute, die skeptisch waren. Die haben gesagt, egal wie wir ihn herrichten, dem darf man gar keine Bühne geben. Das war ein eine Gratwanderung. Aber ich glaub, man muss das mit dem Spirit des Kaisers angehen. Für den wäre der Strache einfach nur der Vorsitzende von einer der lästigen Parteien, denen man von Haus aus gewissen Argwohn entgegen bringt. Mehr ist der Strache für den Kaiser nicht. Das war unser Zugang.
Der Fernsehkaiser hat dem Strache ja ganz ordentlich eingeschenkt. Noch nie wäre ein solcher Ungustl eingeladen gewesen, hat er gesagt. Ich glaube, der Strache ist jemand, der seinen Erfolg ständiger Negation und ständiger Hetze verdankt. So jemand muss auch einstecken können, weil er selbst nichts anderes tut als auszuteilen.
Warum ladet ihr nicht auch einmal Vertreter der Regierungsparteien ein?
Die richtige Frage wäre: Warum kommt von denen keiner? Wir haben wirklich jeden Politiker, jede Politikerin, die man auch nur ein bisschen aus dem Fernsehen kennen könnte, mehrfach eingeladen. Das war auch der Punkt bei Strache. Der hat zugesagt. Genauso wie der Westenthaler und der Bucher. Die Grünen haben es auch verstanden. Von denen hatten wir die Glawischnig, die Lunacek, den Öllinger und die Petrovic. Die kommen bei uns an ein Publikum, an das die sonst nie kommen.
Themenwechsel. “Wir sind Kaiser” macht jetzt Pause. Warum eigentlich? Und vor allem: Für wie lange? Der Kaiser in dieser Form geht mit den März-Ausstrahlungen definitiv zu Ende. Zum einen, weil der Robert Palfrader wieder etwas anderes machen und nicht ewig der Kaiser bleiben möchte; er spielt jetzt den Liliom im Volkstheater. Dann gibt es noch einen objektiven Grund aus meiner Sicht: Wir haben in rund 50 Sendungen 150 Promis oder mehr eingeladen. Es gibt einen Engpass an Gästen. Irgendwann ist es in Österreich vorbei. Wir sind ein kleines Land und haben teilweise schon auf C- und D-Promis zurückgegriffen. Das dritte ist: Es soll uns nichts Schlimmeres passieren, als dass die Leute sagen: Schade, dass es schon aus ist, wir hätten es gerne noch länger gesehen. Besser, als sie sagen: Jetzt könnten sie aber endlich einmal aufhören?
Nie wieder “Kaiser” also? In der bekannten Form nicht. Aber es gibt die Idee, den Kaiser vielleicht in einem größeren Rahmen zurückkehren zu lassen. Vielleicht in einer Show für den zweiten Hauptabend, zwei-, drei- oder viermal pro Jahr. Aber jetzt ist erstmal Schluss. Es war ein schöner Erfolg, es hat uns sehr gefreut, aber alles hat einmal ein End’.
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