Mit Klimt im Keller
19. März 2010 von hb
Vor mehr als hundert Jahren defnierte Gustav Klimt die Erotik seiner Zeit neu, das Beethovenfries in der Wiener Secession legt davon Zeugnis ab. Was Sie hier sehen, spielt sich heute in einem Raum daneben ab. Swingen für die Kunst. Oder?
Die Hochkultur steht Kopf: Der Swinger-Club „Element6“ aus der Wiener Kaiserstraße hat im Rahmen einer Ausstellung des Schweizer Konzeptkünstlers Christoph Büchel seine Separées im Keller der ehrwürdigen Secession eröfnet. Wo die Gedanken sich bislang an Jugendstil und Klimt erbauten, besetzt nun wildes Gerammel alle Sinne und Phantasien von Medien und Kunstrezensenten – und das, obwohl es eigentlich erst richtig zur Sache geht, wenn der herkömmliche Kunstbetrieb seine Pforten geschlossen hat: Geswingt wird in der Secession ab 21:00 Uhr – Erregung mit Open End. Der WIENER war dort, als was los war, und hat mit erhöhtem Puls Club-Sprecherin Gabi Högler interviewt.
Frau Högler, wie man lesen konnte, repräsentieren Sie im Kunstwerk des Schweizer Konzeptkünstlers Christoph Büchel eine soziale Situation. Beschreibe Sie die doch mal…
Na ja, die soziale Situation ist ziemlich sinnfällig. Sehen Sie sich um, wir sind ein Swinger-Club …
Wild kopulierende Menschen ohne Genierer, könnte man sagen…
Das ist höchstens ein Aspekt. Wir bieten Menschen, die freien sexuellen Austausch, aber auch Anregung und menschlichen Kontakt suchen, einen geschützten Rahmen, in dem sie das zu klar definierten Spielregeln auch bekommen und ausprobieren können.
Dann lassen Sie mal was über die Spielregeln hören…
Die wichtigste lautet sicher: Ein Nein ist ein Nein, ohne wenn und aber. Was auch immer hier passiert, muss in gegenseitigem Einvernehmen und völliger Freiwilligkeit geschehen. Gleich danach kommt die Hygiene, würde ich sagen. Und natürlich der Gebrauch von Präservativen, die wir überall auflegen.
Fühlen Sie sich der Kunst näher, seit Ihre Gäste es im Keller der Secession treiben?
Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Ich konzentriere mich auf die soziale Situation, wie Sie ja schon selbst richtig gesagt haben. Über die Kunst dabei befragen Sie bitte Herrn Büchel.
Swingen Sie eigentlich mit?
Nein. Ich bin verheiratet, mein Mann und ich haben eine klare Regelung. Flirten, Gäste betreuen auf der nicht sexuellen Ebene, mehr nicht. Ich mache auch maximal dreimal pro Woche Dienst, mehr würde zulasten des Spaßes gehen.
Und die restliche Zeit?
Kommt jemand anderer aus unserem Verein. Wir sind dort zu viert und wechseln uns ab.
Wie, bitte schön, kommt man auf die Idee, mit Freunden einen Verein mit Vereinszweck Sex zu gründen? Das ist doch wie die Gründung eines Bordells…
Das ist ein langweiliges Klischee. Bei uns findet ausschließlich nicht-kommerzieller Sex statt, Prostitution gibt es nicht. Unsere Gruppe betreibt den Club jetzt seit zwei Jahren. Ein ehemaliger Clubbetreiber hat uns Geld geschuldet. Da er nicht zahlen konnte, haben wir gesagt, er soll mit seinem Know-how einen Club für uns betreiben, bis die Schulden abgetragen sind. Die Zusammenarbeit hat zwar nicht lange funktioniert, aber der Club wurde ein Erfolg. Den haben wir behalten.
Wieviele Swinger kommen denn in die Secession?
Bis jetzt 80 bis 200 pro Nacht. Bei Eintrittspreisen von sechs Euro für Damen ohne Begleitung bis 42 Euro für Single-Herren am Wochenende. Aber dieses Geld geht nicht 1:1 an uns – das wollten Sie doch fragen, oder? Für Auskünfte über die Finanzgebarung der Ausstellung und alles, was damit zusammenhängt, wenden Sie sich bitte an die Secession.
Sie sagen, Sie sind seit zwei Jahren im Swinger-Geschäft. Hat sich Ihre eigene Sexualität dadurch geändert?
Ich hatte schon vorher eine recht freie Einstellung zur Sexualität. Aber ja: Seit wir den Club haben, fällt es mir vielleicht leichter, mit meinem Mann gewisse Dinge anzusprechen, die sonst nur im Kopf ablaufen würden.
- DIE FAKTEN:
Werk und Künstler: Büchels Ausstellung trägt keinen Titel im engeren Sinn. Im Programm prangt über der goldenen Blätter-Kuppel der Secession in Rot der Schriftzug „Bar Club Element 6“, darunter „Raum für Sexkultur“. Die Schau läuft noch bis 18. April 2010. Wer bis dahin einen Blick auf Klimts Beethovenfries im Keller der Secession werfen will, muss erst durch die Swinger-Räumlichkeiten – bis 18:00 Uhr ohne Betrieb. Ab 21:00 Uhr, also nach Ausstellungsende, wird dann die „soziale Situation“ (Konzept Büchel) mit Leben gefüllt.
„Element6“ hat seinen Stammsitz in 1070 Wien, Kaiserstr. 95. Das umseitige Foto wurde mit ausdrücklicher Genehmigung und unter aktiver Mitwirkung der abgebildeten Personen aufgenommen. Spezieller Dank geht an die Crazy International Entertainment Agency. www.eventstars.at
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