Hausmitteilung / WIENER, April 2010
18. März 2010 von hb
Editorial, erschienen im WIENER Nr.344
Der Weg, den Patricia Kaiser gerade geht, hat etwas Befreiendes: Fünf Monate nachdem ihr Freund Gustav Krahl bei einem Autounfall tödlich verunglückte, während sie selbst den Crash am Beifahrersitz unverletzt überstand, hat sie die Kraft gefunden, sich wieder voll auf das Leben einzulassen. Wieviel Sinnlichkeit und Leidenschaft sie dabei mobilisieren kann, zeigt Patricia mit den exklusiv für den wienerangefertigten Fotos.
Kaum weniger knisternd ist ihre feste Absicht, künftig als Model auch international Fuß zu fassen. Erste Aufträge hat sie bereits in der Tasche und die Story, wie sie dazu kam, liest sich wie das Drehbuch für einen Hollywood-Blockbuster.
Wenn Patricia Kaiser in dieser Ausgabe die helle Seite der Erotik repräsentiert, dann steht die Secession derzeit in den Augen vieler für ihre dunklen, abgründigen Facetten. Pornografie und Gruppensex finden dort neuerdings und noch bis weit in den April hinein statt. Die Verwandlung dieser in früheren Zeiten eher dem Intimbereich zugeordneten Verrichtungen in ein Kunststück gelingt durch einen intellektuellen Kunstgriff, der das verschwitzte Treiben zur „sozialen Situation” modelliert und gewissermaßen als soziale Plastik im „musealen Raum” ausstellt. Oder so ähnlich.
Zumindest das Minimalziel der Ausstellung scheint erreicht, Schreihälse der FPÖ haben reflexartig aus vor Erregung trockener Kehle „Sauerei” gegrölt; ÖVP-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel beteuerte, beim Wort Swinger zunächst an artige Musikanten gedacht zu haben; der Boulevard geriet in Wallungen, ließ seinen erigierten Druckerpressen ihr Recht und ergoss sich tagelang über Tonnen von nicht saugfähigem Papier.
Da wollten wir nicht abseits stehen. Auch wir haben dem Sex mindestens ins Auge geblickt und im Keller unserer Bedürfnispyramide kräftig recherchiert. (Das Ergebnis findet sich hier) Der Kunst wurden wir dabei nur schemenhaft ansichtig. Dafür kamen wir der Erkenntnis näher, dass alles Artifizielle keinen Zauber zu erzeugen vermag, wenn der Gegenstand zwar in seiner äußeren Erscheinung variierbar, seinem Wesenskern nach aber ein banaler ist. Diese Not dürfte auch den unbekannten Urheber eines Stücks Lyrik aus dem vorigen Jahrhundert getrieben haben, das wir Ihnen an dieser Stelle nicht vorenthalten wollen:
… ach, ihr nennt es Votze, Möse,
Schnecke, Pumpe, Pflaume, Loch,
Klunte, Kutte, Vögelritte,
Büchse, Schrulle, Muschel noch.
Viele andre schlechte Namen
Könnt’ ich sagen, doch genug.
Wie dagegen sind die Damen
Doch voll Anstand ohne Trug!
Sprechen niemals: Piephahn, Pinsel,
Nille, Schwanz, Schnips, Pfeife, Stift,
Dicker, Struller, Schwengel, Rübe,
Automat fürs Jungfernstift.
Nein, wir nennen diesen Bengel,
Lebensquell und Freudenspender,
Herz- und Nierenumumwender.
Und so dürfen wir wohl bitten,
Daß jetzt unser liebes Ding,
Das von euch so gern gelitten,
Bessre Namen nun empfing.
Heißt es: aufgeblühte Rose,
Nadelbüchse, Freudental,
Venusberg, auch wohl Spieldose, –
Namen gibt es sonder Zahl.
Und um eins noch muss ich flehen,
Bittend dies mein Mündchen spricht,
Sollte mal der Schwanz euch Stehen,
Pimpert unterm Taler nicht!
Noch mehr Literarisch-Illustratives zum Thema Volkserotik – wenn Sie so wollen: zu ihren früheren sozialen Situationen – finden Sie in einem Buch mit dem schönen Titel „Einmal eins ist eins, steck dein Ding in meins” (Verlag Walde+Graf, Zürich).
Weil wir gerade auf den Schwingen der Erotik reiten: WIENER-Sexkolumnistin Pandora, hierzulande wohl die härteste ihrer Zunft, hat sich und uns ein Denkmal gesetzt und die monatlichen wiener-Denkschriften zu ihren Erlebnissen unterhalb der Gürtellinie jetzt als Buch herausgebracht (hier bestellbar!). Dabei hat sie sich auch enthüllt. Nein, nicht ihren Körper, aber immerhin ihre Identität.
Last but not least: Dirk Stermann hat auch ein neues Buch geschrieben. Eigentlich schon lange. Mit jeder seiner Kolumnen für den wienersozusagen, die er jetzt neu verlegen ließ. Das so entstandene Brevier trägt den hübschen Titel „Eier” (hier bestellbar) und wenn Sie in der richtigen Stimmung sind, schließt sich damit der Kreis zum Erotik-Schwerpunkt dieser Frühlingsausgabe. Treiben Sie’s nicht zu bunt! Im Mai lesen wir uns wieder.
Herzlichst,
Helfried Bauer, Chefredakteur
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